Kunst verbindet

 

Ein rothaariger Hexenmeister! Und wie er tobt! Wie Rumpelstilzchen! Na, so einen Lehrer hätte ich nicht gewollt! Aber ich kann ja gleich wieder gehen. Schließlich soll ich ihm ja nur etwas ausrichten. Seine Kollegin hat mich gebeten, ihm zu sagen, dass sie seine Stunden morgen übernehmen würde. Und das ist es auch schon.

 

Aber ich komme gar nicht zu Wort. „Da setz dich hin! Und fang endlich an!“, fährt er mich an und deutet auf einen leeren Platz ganz vorne. Weißes Papier und Kohle liegen schon bereit. „Ich soll... “, beginne ich und er schnappt: „Den Mund halten und arbeiten!“ Er drückt mir den Stift in die Hand. „Mach!“, schnauzt er.

 

„Bist du neu?“, flüstert das Mädchen in der Bank neben mir, und ich nicke. „Ja, ich bin neu - aber ich bin die neue Sekretärin des Direktors!“, denke ich mir, aber ich halte den Mund. Paul, mein großer Bruder, hatte schon geflachst: „Pass bloß auf, dass sie dich nicht für eine Schülerin halten!“ Und natürlich hat er recht. Wie immer! Ich bin klein und zierlich und sehe höchstens wie 17 aus! Ich hasse das! Schließlich bin ich 23 und eine qualifizierte Sekretärin! Das Blöde ist: Ich bin obendrein auch noch schüchtern.

 

Ich sehe mich um. An der Tafel hängt ein Plakat. Es ist eines meiner Lieblingsbilder: Der Rückenakt von Picasso. Aha! Daran sollen sie sich versuchen! Ist aber schon starker Tobak für die Schule, wenn auch für die Abiturklasse. - Ich muss schmunzeln. Na dann sehen wir mal, ob wir ihn nicht verblüffen können. Diesen Akt kann ich im Schlaf zeichnen. Ich habe es bestimmt schon an die 100 Mal getan - in meinem Aktkurs. Ich fasse die Kreide fester und lege los. Großzügig! Eine Minute - und man sieht jetzt schon, wie gut ich bin.

 

„Donnerwetter!“, brüllt er neben mir los, dass ich beinahe vor Schreck vom Stuhl falle. „Wir hatten gesagt, wir drehen den Akt um! Von vorn! Von vorn!“ Ratsch ist mein Blatt entzwei. Dieser rabiate Kerl hat mein Bild zerrissen. Langsam werde ich sauer. Wenn ich erst wütend genug bin, dann werde ich ihm sagen, was für ein unmöglicher Mensch er ist! Aber zuerst werde ich ihm zeigen, was ich kann. Also los! Ein Akt - von vorn. Überhaupt kein Problem!

 

Hokus Pokus Fidibus - und der Umriss einer sitzenden, nackten Schönheit ziert mein Blatt. Ein paar Schraffuren, ein paar Schattierungen... Er rennt unablässig durch den Raum - von einer Schülerin zu anderen. Doch dann sieht er... Abrupt bleibt er stehen, starrt auf meinen begonnen Akt - und sagt kein Wort. Ich grinse. „Da staunst du, was?“

 

„Donnerwetter!“ Dieses Mal ist es nur noch ein heiseres Flüstern. Ich schnappe nach Luft. Dieses Timbre jagt mir einen Schauer über die Haut. Unglaublich grüne Augen hat er! Auf einmal scheint die Luft zwischen uns zu brennen. Er fixiert mich. Mustert mich von meinem schwarzen Bubikopf bis zu den getupften Ballerinas, in denen meine Füße stecken. Größe 36! Wie gesagt: Klein und zierlich!

 

„Ich habe Sie hier noch nie gesehen!“, stellt er fest - und ich stelle fest: Er kann ja sogar normal reden! Nicht nur brüllen und toben! Ich schmunzle und setze einen Strich. Jetzt hat die Schöne Brüste. - Er nimmt mir den Stift aus der Hand und korrigiert. „Ich stehe auf ein bisschen mehr!“ Im Handumdrehen wurde aus 75b mindestens 75c, wenn nicht d. Nun grinse ich unverhohlen und betrachte angelegentlich meinen eigenen Busen. Winzig! Donnerwetter! Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, er wird rot. Nein, das nicht, aber er räuspert sich. So ganz wohl ist ihm nicht in seiner Haut!

 

Ich greife nach der Kohle und mein Torso bekommt aufreizende Brustwarzen. So was hat er wohl nicht erwartet. Er guckt noch mal. Sowohl auf mein Bild, als auch auf mich. Glaubt er, was er da sieht? Da flirtet eine Schülerin mit ihm - über eine Zeichnung! Und wie gekonnt sie das macht! Ich „sehe“ förmlich was er denkt. Die Bewunderung kann er nicht völlig aus seinem Blick verbannen. Die, für mein Können - aber auch die, für mich?

 

Keine falschen Hoffnungen, Mädel! Bilde dir bloß nichts ein! Er steht auf zwei bis drei Nummern größer! Und überhaupt: Er ist der Hexenmeister, der brüllende! Du wirst ihn doch wohl nicht plötzlich attraktiv finden? - Er lächelt aber so nett - auf einmal! Und er hat Grübchen!

 

Schwupps hat er meinen Stift und schattiert den Busen, der plötzlich gar nicht mehr so groß wirkt. Ich bin sicher, er könnte ihn „vergrößern“, wenn er wollte. Warum will er nicht? Ganz langsam fährt die flach angelegte Kreide über die Brüste der Schönen, umrundet ihre steifen  Nippel. Es ist, als würde er sie liebkosen! Lässt er es bewusst so aussehen, als würde er ihren Busen „streicheln“? Ich habe den Eindruck, ja! Und dieser Eindruck wirkt! Seine Blicke streicheln MICH, nicht den Akt. Oder sieht er mich schon als... Akt?

 

Mir wird heiß. Schauen die anderen Schüler schon zu uns her? Nein, sie sind nur froh, nicht ins Schussfeld zu geraten. Er legt den Stift hin und ich hole ihn mir. Schraffiere den Bauch, gebe ihm eine sexy Rundung und eine aufregende Vertiefung für den Nabel. „Sie sind gut!“, flüstert er und nimmt mir den Stift ab. Jetzt zeichnen wir zu zweit. Ein bisschen mehr Taille, eine Rundung für den Po. Wow! Schaut heiß aus, die Lady! Er legt die Kohle beiseite und beginnt zu wischen. Sein Finger huscht übers Papier, reibt und tupft. Verdammt! Er hat schöne Hände! Überzogen mit einem rotgoldenen Flaum. Ich stehe auf Männerhände! - Auf diese... Hände!

 

Dieser eine Finger an imaginären Brustwarzen lässt meine reagieren. Ich spüre, wie sie sich steil aufrichten, sich zusammen ziehen, meinen Körper in Erregung versetzen. Und ich habe nur eine dünne weiße Bluse an, denn schließlich ist es heiß. Einen BH trage ich nie - wofür auch? Er hat es gesehen - aus den Augenwinkeln. Bilde ich mir das jetzt ein, oder geht sein Atem plötzlich schwerer?

 

Und immer noch reibt er - aahh - an mir? Ich schließe die Augen und stelle mir seine Finger vor. Fühle sie beinahe, wie sie sanft um meine Taille gleiten, seitlich höher, um dann meine Brust zu umrunden. Als er meine steifen Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt und zart reibt, stöhne ich auf. - STOPP! Was mache ich denn da? Was macht ER denn da? Er sieht mich an, mit großen, grünen Augen und drückt mir den Stift in die Hand. „Weiter!“

 

ICH würde das jetzt beenden - aber ER will mehr! Also deute ich mit sanften Strichen mehr an. Eine Vulva zwischen den Ansätzen provozierend gespreizter Schenkel. Nur die „Andeutung“ einer Vulva - aber das ist auch genug. Auch ich sehe aus dem Augenwinkel... Eine hübsche Linie - eine Kurve - und so plastisch! Ich grinse und lege den Stift hin, nehme den Finger! Was du kannst, kann ich auch! Den Hauch einer Schambehaarung, so könnte man es interpretieren. Es könnte aber auch nur ein Schatten sein.

 

Seine Hand liegt auf meiner Schulter. Er steht dicht neben mir - und „hilft“ mir. So dicht, dass ich seinen männlichen Duft wahrnehmen kann. Wahrnehmen muss! Er ist geil! - Und ich... trage nur ein winziges Höschen. Rot. Passend zu dem roten Rock mit den Punkten und den Schuhen. Rot - und nass! Ich sehe ihn an. Diese Augen! Seine Zunge schnellt hervor und leckt über sinnliche Lippen. Ich möchte ihn küssen! - Ich muss jetzt gehen. Das führt zu weit!

 

Er „verbessert“ - präzisiert. Nicht mehr nur ein Hauch. Auch hier... sinnliche Lippen, weich und leicht geöffnet. Erwartungsvoll. Er ist gut! Donnerwetter ist er gut! Sowohl zeichnerisch, als auch... Was tu ich jetzt? Was? Ich atme tief, drücke ihm meine Spitzen gegen den Arm - und stehe auf. Eine letzte Linie! Nur eine noch. Aus dem Schwung meines Handgelenkes setze ich sie. Den Rand, die Kuppe und eine Gerade für den Schaft - tief drin... Oder der Schatten des Bäuchleins, den SIE gerade einzieht. Er wird blass.

 

„Ach ja! Ich soll Ihnen ausrichten, dass Frau Mertens morgen Ihre Stunden übernimmt. - Wie gewünscht! Aber jetzt muss ich wieder zurück - ins Sekretariat! Und danke für Ihre „Nachhilfe“!“ Als ich mich umdrehe, um die Türe hinter mir zu schließen, sehe ich gerade noch, wie mein aufgerolltes Bild in der Tasche seines weißen Mantels verschwindet. Es war eine Aufforderung... zum Tanz. Jetzt ich bin gespannt...

 

 

 

© BvS                                                                                          Ihre Meinung?




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